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Wenn Kaninchenfutter krank macht

Von Viola Schillinger


Warum Kaninchen vieles, aber kein handelsübliches Kaninchenfutter benötigen und welche Krankheiten eine Ernährung mit Futterpellets oder bunten Futtermischungen auslösen kann.


Durchfallerkrankungen und Zahnprobleme führen deutschlandweit Kaninchenhalter am häufigsten in die Tierarztpraxen. Nicht nur diese Erkrankungen, sondern auch viele andere, die mit der Ernährung von Kaninchen im Zusammenhang stehen, könnten jedoch problemlos drastisch reduziert oder sogar ganz vermieden werden, wenn die Tiere ihren Bedürfnissen entsprechend ernährt werden würden.
Wie eine gesunde Ernährung aussieht und  warum eine Fehlernährung solche Krankheiten auslöst möchte ich hier erklären.
Viel zu viele Kaninchen hierzulande werden immer noch mit Kaninchenfutter aus dem Handel, Kaninchenpellets, Heu (wenn sie Glück haben) und Küchenabfällen ernährt. Neben dieser Ernährung gibt es noch viele andere Fehlernährung wie z.B. eine reine Heuernährung oder die pure Getreidefütterung.
Eine solche Ernährung ist weit von einer gesunden Kaninchenernährung entfernt, denn in der Natur fressen die wilden Verwandten unserer Hauskaninchen vorwiegend Wiesenkräuter, Gräser, Blätter, Wurzeln, Rinden, Laub usw. Dabei selektieren sie besonders gerne die Blattspitzen und frischen Triebe der Pflanzen. Der Feldhase, welcher nahe mit dem Kaninchen verwandt ist, wird bei uns immer seltener angetroffen, die Forscher, welche sich mit dem Rückgang der Feldhasen-Populationen beschäftigen kamen zu der Erkenntnis, dass Feldhasen eine sehr große Anzahl von Wildkräutern benötigen um ihre Verdauung gesund zu erhalten. Durch einen Mangel an Brachflächen findet er nur noch einen Bruchteil dieser Pflanzen vor, so dass er seine Gesundheit (gerade bei Jungtieren) nicht immer aufrecht erhalten kann. Wildkaninchen haben gegenüber dem Feldhasen den Vorteil, dass sie mehr Jungtiere aufziehen und sich schneller und häufiger vermehren, sonst wären wohl auch sie von diesem Problem betroffen, denn sie zeigen ein sehr ähnliches Weideverhalten.
Unsere Hauskaninchen haben im Vergleich zu anderen Haustieren eine recht kurze Domestikations-Zeitspanne hinter sich, ihre Verdauung ist daher mit der Wildkaninchen-Verdauung nahezu identisch, sie verfügen beide über das gleiche Verdauungssystem. Hauskaninchen sind daher wie die Wildkaninchen auf eine vielfältige Frischfutterkost angewiesen und bevorzugen Wildkräuter wie z.B. Löwenzahn, Bärenklau, Wilde Möhre usw.
Das handelsübliche Trockenfutter führt zu erheblichen Verdauungsproblemen und anderen Krankheiten für das die Kaninchen in Tierarztpraxen auch sehr bekannt sind.
In allen Teilen der Verdauung führt Fertigfutter zu erheblichen Problemen, die sich auf die Gesundheit des gesamten Kaninchens auswirken. Angefangen bei den Zähnen, die beim Kaninchen lebenslang
nachwachsen und durch eine ausreichende Kautätigkeit abgeschliffen werden, kommt es durch die Pellet- oder Trockenfutterfütterung zu weniger Kauaktivität (Trockenfutter macht schneller satt als
Wildkräuter und muss weniger gekaut werden, da es bereits vermahlen ist).Im Magen angekommen quillt Trockenfutter deutlich stärker auf als die natürliche Nahrung des Kaninchens. Ein Futterpellet erreicht die drei bis fünffache Größe durch zugegebene Flüssigkeit (z.B. Magensaft) so dass der Magen völlig überlastet wird, die Folge sind Magenüberladungen und andere Magenerkrankungen. Auch der Dünndarm leidet unter dem handelsüblichen Futter. Die Darmschleimhäute werden
gereizt und entzünden sich, es siedeln sich unerwünschte Parasiten an. Es kommt zu Durchfällen und anderen Darmerkrankungen. Der Dickdarm besteht beim Kaninchen u.a. aus dem Blinddarm, der nur die feinen Partikel der Nahrung verdaut während die groben Fasern ausgeleitet werden. Wenn die Nahrung jedoch zu fein vermahlen ist (wie es bei Pellets und Extrudaten aus dem Futter meistens der Fall ist), wird der Blinddarm überfüllt und der restlichen Verdauung fehlen die strukturierten Fasern, die mit dem Hartkot ausgeschieden werden. Die feinen Partikel werden im Blinddarm weiter verwertet, dabei entstehen lebenswichtige Vitamine und Fettsäuren, aber auch Eiweiße. Die Fettsäuren werden gleich resorbiert während die Vitamine während der Weichkotphase ausgeschieden und vom Kaninchen wieder verdaut (gefressen) werden, so dass sie dem Körper zu Gute kommen. Ist die
Blinddarmflora gestört, kann das Kaninchen seinen Energiebedarf nicht mehr decken und muss auf wichtige Vitamine und Eiweiße verzichten, dies hat natürlich Einfluss auf sein Wohlbefinden. Deshalb ist die Antibiotika-Gabe beim Kaninchen immer gut abzuwägen. Durch eine zu trockene Ernährung und wenig lange Fasern im Futter wird auch die Bildung von Haarballen gefördert.
Fast alle Verdauungsstörungen aber auch Erkrankungen der Nieren und Blase, lassen sich durch eine gesunde Ernährung verhindern, denn durch eine Frischfutterfütterung werden die ableitenden Harnorgane ausreichend durchgespült, so dass erst gar keine Steine oder Grießansammlungen entstehen.
Kaninchen brauchen also folglich eine frische (wasserreiche) strukturierte (nicht fein gemahlene), vielfältige Nahrung die reich an sekundären Pflanzenstoffen ist um sich gesund zu erhalten.
Von handelsüblichem Trockenfutter und ungesunden Kaninchen-Leckerlies werden unsere
Kaninchen hingegen krank. Diese Produkte sind meist aus billigen Rohstoffen und Resten der Nahrungsmittelindustrie zusammen gesetzt, die auf der Verpackung z.B. als "Trester" oder „Nebenerzeugnisse" angegeben sind. Diese werden mit künstlichen Aromen, Farbstoffen und
anderen Zusatzstoffen "schmackhaft" gemacht. Die künstlich dem Futter zugesetzten Vitamine sind oftmals drastisch überdosiert, was gerade bei fettlöslichen Vitaminen verheerende Folgen nach sich zieht (v.a. Organschäden). Auch der Energiegehalt dieser Futtermittel ist sehr hoch, so dass es zu Übergewicht, Organschäden (damit einhergehend oft Abmagerung), Zahnerkrankungen und Verhaltensstörungen kommen kann. Zudem sind die Zutaten gemahlen und wieder zusammen gebacken oder gepresst, so dass keine langen Fasern mehr enthalten sind, die jedes Kaninchen für eine gesunde Verdauung benötigt. Die Folge einer solchen Fehlernährung mit Trockenfutter sind vielfältige Erkrankungen wie z.B. zu wenig Zahnabrieb, Steine oder Gries in der Blase oder anderen ableitenden Harnorganen, Magen-Darmprobleme (Durchfall, Blähungen, Verstopfung, Frischfutter-Unverträglichkeiten, Haarballen…).
Im Sommer bietet es sich an, einmal am Tag (z.B. abends) eine Tüte mit Wiesenpflanzen zu pflücken und diese auf zwei Mahlzeiten verteilt (morgens und abends) zu füttern. Dabei sollte immer so viel gefüttert werden, dass bei der nächsten Mahlzeit noch Reste übrig bleiben, denn das Kaninchen ist auf eine stetige Nahrungsaufnahme angewiesen und reagiert bei rationierter Fütterung mit Verdauungsproblemen. Ergänzt wird das Wiesen-Grünfutter mit frischen Zweigen (mit Blättern, Knospen und Blüten) und einem hochwertigen Heu. Frisches Wasser aus einem standfesten Napf (aus Nippeltränken kommen nur Topfen raus, daher wird dann zu wenig Wasser aufgenommen) darf natürlich auch nicht fehlen. Wenn die Vegetation draußen abnimmt, stellt sich die Nahrung etwas
anders zusammen. Natürlich kann man weiterhin Frisches aus der Natur anbieten (Gräser, Zweige, Brombeeren, Bambus usw.), Hauptbestandteil der Nahrung wird jetzt jedoch ein vielfältiges Frischfutterangebot das zweimal täglich angeboten wird (Gemüse, Obst, Kräuter, was sich
draußen noch so findet), eine hochwertige Mischung aus möglichst vielen Trockenkräutern, Zweige, Heu, Wasser aus einem Napf und ein paar Saaten (Sonnenblumenkerne, Hirse, Quinoah, Amaranth, Grassamen usw.). Gefüttert wird von allen Komponenten außer den Saaten immer so viel, dass bei der nächsten Mahlzeit noch genug übrig ist. So haben die Kaninchen ein gutes Futterangebot und können sich dank der sekundären Pflanzenstoffe (die im Gemüse eher fehlen aber in den Trockenkräutern, Rinden der Zweige usw. dafür vorhanden sind) gesund erhalten. Wer die Möglichkeit dazu hat, sollte den Kaninchen Winter wie Sommer Auslauf im möglichst naturnahen Garten bieten, auf diesem Weg suchen sie sich auch dort geeignete Pflanzen zur Nahrungsaufnahme aus. Im Winter scharren sie sogar den Schnee beiseite um gefrorene Früchte vom Herbst, Laub oder Gräser unter der Schneedecke zu fressen.
Natürlich sollte man den Kaninchen auch genug Platz zur Verfügung stellen, so dass sie sich ausreichend bewegen können, denn das hält ihren Darm ebenfalls gesund.
Vielleicht ist im Winter die Ernährung etwas teurer als eine Ernährung mit Trockenfutter, dafür spart man im Sommer jedoch die Ernährungskosten und zudem werden die Kaninchen seltener krank, so
dass auch Tierarztkosten drastisch reduziert werden können. Deshalb gilt auch bei der Kaninchenernährung: Vorbeugen ist besser als heilen, denn es ermöglicht den Kaninchen ein gesundes Leben, dem Halter wird viel Stress und Tierarztkosten erspart und auch die Lebenserwartung steigt beachtlich an.
Weiterführende Informationen zur Kaninchen-Ernährung und den damit in Zusammenhang stehenden Erkrankungen unter www.kaninchenwiese.de

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