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Der 9. November

Von Karl Grobe


Am Abend des 9. November 1989 kamen die Steine ins Rollen – Steine, die die so lange erstarrten Grenzen des Kalten Krieges kennzeichneten. Günther Schabowski, Mitglied des Politbüros der SED, hatte mit seinem Nebensatz über den sofortigen Beginn der Reisefreiheit für DDR-Bürger das Fundament der Mauer erschüttert. Ins historische Gedächtnis sind freilich auch andere Ereignisse von anderen neunten Novembertagen eingegangen.

Der erste markiert das bürgerliche Trauerspiel der deutschen Revolution von 1848/49 und des vergeblichen Bemühens um eine demokratische Verfassung. Dem Ausschuss des Frankfurter Paulskirchen-Parlaments, der dieses Dokument ausarbeiten sollte, gehörte Robert Blum an. In Wien wurde er am 9. November 1848 erschossen. Die habsburgische – damals noch die gesamt-deutsche – Reaktion hat an diesem Tage erstmals gezeigt, was sie unter kurzem Prozess versteht: Gerade zwei Stunden dauerte die so genannte Verhandlung vorm Standgericht. Das Abgeordnetenmandat schützte ihn nicht. Wie auch neunzig Jahre danach die parlamentarische Immunität den Machthabenden (nun hießen sie Nazis und nicht mehr einfach: Reaktionäre) nichts gelten würde.

Doch sieben Jahrzehnte darauf ist dieser Novembertag positiv notiert. Da ist nach einem bekannten Wort des britischen Historikers Eric Hobsbawn der Anfang des „kurzen Jahrhunderts“ zu finden, das von Weltkriegen und der daraus hervorgegangenen Polarisierung zwischen „Ost“ und „West“ geprägt ist.

Der 9. November 1918 war der Tag, an dem in Berlin der (im Parteikontext eher rechte) Sozialdemokrat Philipp Scheidemann vom Reichstagsgebäude aus die Republik ausrief und, die Widersprüchlichkeit der deutschen Revolution markierend, Karl Liebknecht, der Kopf des Spartakusbunds, am Stadtschloß die sozialistische Republik verkündete.

Scheidemanns und Liebknechts Aufrufe markieren den Dualismus der deutschen Revolution von 1918. Die zu Kriegsbeginn noch geeint erscheinende Sozialdemokratie spaltete sich 1916 in zwei Flügel. Im November 1918 warf ihr das Ancien Regime die Staatsmacht dann quasi vor die Füße: Die Militärführung sah den Krieg verloren und stahl sich aus der Verantwortung. Die Sozialdemokraten und ihre demokratischen Verbündeten sollten sehen, wie sie den Zusammenbruch des deutschen Imperialismus bewältigen konnten.


Zu Unrecht lange Zeit vergessen: Die mutige Tat des Georg Elser

Die These, die SPD sei in jenem Wendejahr eine revolutionäre Partei gewesen, ist ein historisches Falsifikat. Die SPD wollte die demokratische Republik und sonst nichts. Das war nicht wenig. Frauenstimmrecht, gleiches Wahlrecht aller, Gleichheit vor dem Gesetz, Tarifpartnerschaft der Gewerkschaften – die bürgerlich-demokratische Neuordnung Deutschlands ist eine historische Leistung. So ist es durchaus angebracht, darauf hinzuweisen, dass letztlich auch das Grundgesetz der Bundesrepublik darauf fußt.

Freilich enthielt die Weimarer Verfassung jenen Artikel 48, der dem Präsidenten Vollmachten zumaß, die konservative Kommentatoren geradezu frohlockend als „fast kaiserlich“ einordneten. Und da die Gründer der Republik es unterlassen hatten, in den Verwaltungen und in der Justiz wenigstens die wichtigsten Posten mit verfassungsloyalen Personen zu besetzen, herrschte dort ein noch wilhelminisch-autoritär geprägtes Staatsverständnis vor.

Die extreme Rechte von Generalfeldmarschall Erich Friedrich Ludendorff bis zu den frühen Nazis um Adolf Hitler hatte längst in allem, Republik war, nur „Novemberverbrecher“ gesehen. In der Absicht, in die Vergangenheit vor dem 9. November 1918 zurückzutauchen, unternahm sie am fünften Jahrestag 1923, einen Putschversuch. Am Abend zuvor hatte Hitler, Führer einer noch kleinen, aber gewaltbereiten rechtsextremen Sekte, im Münchner Bürgerbräukeller die Reichsregierung für abgesetzt erklärt. Die örtliche Bereitschaftspolizei stoppte am Morgen des 9. November 1923 ihren Marsch zur Feldherrnhalle; und erstmals stellte sich die von Seeckt befehligte Reichswehr im Auftrag von Reichspräsident Friedrich Ebert der extremen Rechten entgegen. Kurz vorher hatte dieselbe Reichswehr geholfen, in Sachsen und Thüringen SPD-KPD-Koalitionsregierungen zu beseitigen.

In die 1923 gestiftete verbrecherische Kontinuität gehört die Pogromnacht, der sorgfältig vorbereitete, im gesamten Reichsgebiet gleichzeitig durchgeführte Überfall auf jüdische Geschäfte, Privathäuser und Synagogen am 9. November 1938. Über 7000 Geschäfte, nahezu alle Synagogen und an die 30 Warenhäuser wurden in jener Nacht zerstört, 91 Menschen ermordet. Nach dem 9. November 1938 steigerte der NS-Staat die Verfolgung bis zur kollektiven, industriell organisierten Massentötung der Juden. In der Pogromnacht hat nicht ein angeblicher Ausbruch des Volkszorns gewütet. Das Volk schwieg, teils fassungslos, teils resigniert.

Eine spektakuläre, aber zu Unrecht lange Zeit fast vergessene Aktion unternahm der Schreiner Georg Elser ein Jahr später. Die Bombe, die er am 9. November 1939 im Münchner Bürgerbräukeller detonieren ließ, galt Hitler und seinen engsten Gefolgsleuten. Doch als sie um 21.20 Uhr hochging, hatten diese das Lokal unvorhergesehen früh verlassen, in dem sie gewohnheitsmäßig zur öffentlichen Erinnerung an die Geschichte von1923 zusammenkamen und Reden hielten.

Das Attentat schlug fehl. Doch Elsers Tat steht in einer besseren Tradition, als die verbreitete Unkenntnis über sie vermuten lassen könnte. Es ist die Tradition der Zivilcourage gegen die Diktatur; eine Tradition des legitimierbaren, in diesem Fall erwünschten Tyrannenmordes. Nicht nur wegen des Datums steht sie im Zusammenhang mit den Revolutionen von 1848 und 1918.

Die Geschichte Deutschlands hat auch nicht am 9. November 1989 aufs Neue begonnen. Sie ist ein fortlaufender Prozess. Gedenktage geben Anlass, an einen Gedanken des US-Philosophen George Santayana zu verweisen: Wer die Lektionen der Geschichte nicht lernt, muss sie wiederholen.


Karl Grobe ist Kolumnist und Feuilletonist der Frankfurter Rundschau

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